24.11.2017

«Es ist an der Zeit, sich ernsthaft mit dem Thema Digitalisierung zu beschäftigen»

Geredet hat man über die Themen Digitalisierung oder digitale Transformation lange genug. Geht es nach Experte Joël Luc Cachelin, ist es nun an der Zeit, zu handeln.

Joël Luc Cachelin, unsere Welt wird immer digitaler. Was bedeutet das für Schweizer KMU?

Nachdem wir schon relativ lange über die Themen Digitalisierung und digitale Transformation sprechen, müssen sich KMU nun ernsthaft mit dem Wandel auseinandersetzen. Dabei gibt es verschiedene Aspekte, die aus wirtschaftlicher Sicht entscheidend sein können. Die Digitalisierung fordert und fördert zum Beispiel neue Werte. Die jungen Generationen haben andere Erwartungen an Unternehmen, Arbeitgeber und die Gesellschaft. Weiter werden Lebenszyklen von Firmen, Produkten, Technologien und Berufen kürzer, gleichzeitig wünschen sich viele eine Kreislaufwirtschaft, in der kein Abfall mehr entsteht.

Kooperationen scheinen im Zusammenhang mit der digitalen Transformation auch eine wichtige Rolle zu spielen. Was hat es damit auf sich?

Die Digitalisierung erhöht die technologische, soziale und wirtschaftliche Vernetzung. Nicht zuletzt aufgrund des Effizienzdrucks werden KMU daher vermehrt zusammenspannen. Wie wichtig Kooperationen sind, lässt sich auch an globalen Wettbewerbern – zunehmend übrigens auch aus fremden Branchen –, der Sharing Economy und der steigenden Bedeutung von Daten ablesen. Noch verstehen allerdings nicht alle, dass gut gemanagte Daten Voraussetzung für künstliche Intelligenz sind. Ich denke da zum Beispiel an Chatbots, die das Leben aller vereinfachen können, sofern sie über genügend Informationen verfügen.

Das klingt so, als ob sich Unternehmen dem Wandel nicht entziehen könnten?

Kein Unternehmen kann sich der Pflicht zur Auseinandersetzung mit der Digitalisierung entziehen. Ob es sich dann bewusst gegen sie entscheidet, ist eine ganz andere Frage. Für viele KMU wird gerade der Gegentrend der Offliner neue Märkte und Chancen eröffnen. Das darf aber kein Grund sein, sich nicht mit dem Thema zu beschäftigen. Wichtig ist daher, zu beobachten und zu reflektieren: Ist man vom digitalen Wandel betroffen und wenn ja, in welchen Bereichen? Was letztlich umgesetzt wird, hängt von der gewählten Strategie und natürlich auch von den Kosten ab. Alle Wege zu gehen, wird sich ein KMU kaum leisten können.

Gibt es aus Ihrer Sicht Bereiche, die Unternehmen zwingend digitalisieren müssen?

Bei internen Prozessen und im administrativen Bereich vereinfachen digitale Lösungen den Geschäftsalltag. Für mich gehören zum Minimalstandard auch die digitale Präsenz, die responsive gestaltet ist, und Kontaktdaten, die einen via E-Mail oder Telefon direkt zur gewünschten Person führen. Ausserdem sollte man davon ausgehen dürfen, dass das Unternehmen die Kundenbeziehung im Griff hat. Sprich, alle nötigen Informationen zu meiner Person und meiner Geschäftsbeziehung sind im System hinterlegt und für alle Mitarbeitenden des Unternehmens sichtbar. Es ist wie bei einer Patientenakte, in der alle Vorfälle und Behandlungen dokumentiert werden.

Welche Chancen und Gefahren birgt die digitale Transformation für KMU?

Während die Angebotsmöglichkeit im Geschäft an Grenzen stösst, kann das Sortiment im Onlineshop wesentlich mehr Produkte, Farben oder Grössen umfassen. Long Tail heisst hier das Zauberwort. Im administrativen Bereich liegt der Vorteil sicher bei der Vereinfachung der Prozesse. Durch die Digitalisierung beziehungsweise Automatisierung spare ich Zeit und Geld. Häufig lässt sich auch Arbeit an Kunden delegieren – zum Beispiel, wenn diese selbst ihre Daten erfassen. So wird es durch digitale Hilfsmittel vielleicht auch möglich, sich mehr Zeit für die Beratung oder den menschlichen Kontakt zu nehmen. Chancen können aber auch Gefahren sein. Der Bereich Cybersicherheit muss von den Unternehmen ernst genommen werden. Eine weitere Herausforderung ist vielerorts die Diversität der Kunden. Während die Onlineaffinen digitale Angebote erwarten, gibt es auch Leute, die mit der zunehmenden Digitalisierung Mühe haben. Ich erwarte, dass man Kunden künftig häufiger gemäss ihrem digitalen Verhalten beziehungsweise ihrem digitalen Lebensstil segmentieren wird und weniger nach ihrem Alter oder Wohnort.

Welche Möglichkeiten der Digitalisierung sehen Sie im Bereich Finanzen?

Finanzinstitute bieten immer mehr digitale Angebote und Lösungen. Firmen müssen diese aber auch nutzen. Ich erwarte heute, überall mit Karte oder Handy zahlen zu können. Wer das nicht anbietet, outet sich als Player der Vergangenheit, wobei immer auch der Geschmack der Steuerhinterziehung bleibt. Gerade für KMU werden durch die Sharing Economy neue Möglichkeiten entstehen, um Anlagevermögen und Fixkosten zu reduzieren. Dabei werden sowohl die Fähigkeiten von Mitarbeitenden als auch Maschinen und möglicherweise Daten und Anwendungen der künstlichen Intelligenz geteilt. Das ist nicht nur günstiger, sondern auch nachhaltiger. Ob in diesen oder auch anderen Bereichen – KMU sollten vermehrt Kooperationen mit anderen aus der Branche, aber auch mit Firmen, die in der Wertschöpfungskette vor oder nach ihnen gelagert sind, eingehen.

Was raten Sie Firmen, die sich mit dem Thema noch nicht auseinandergesetzt haben? Wie müssen sie vorgehen, wenn sie digitalisieren wollen?

Ich empfehle, sich erst einmal ins Thema einzulesen, um ein Verständnis für den Strukturwandel zu bekommen. Der anschliessende Austausch mit anderen KMU kann ebenso hilfreich und bereichernd sein wie der mit externen Profis. Ausserdem bringt die Digitalisierung auch einen Generationenwechsel mit sich. Die Jugendlichen wissen, welche Themen kommen und was sie bedeuten. Daher sollte man mit den Jungen im Unternehmen sprechen, sie in Projekte involvieren und sie in Führungspositionen holen. Generell würde ich Unternehmen raten, sich nicht nur mit der Digitalisierung, sondern auch mit der Arbeitswelt der Zukunft auseinanderzusetzen. Will man beispielsweise Homeoffice ermöglichen? Arbeitet man intern noch mit E-Mails oder setzt man auf Kollaborationsplattformen wie Slack? Zur Digitalisierung gehören auch neuen Formen der Zusammenarbeit und die intensivere Nutzung von Daten.

Zur Person

Dr. Joël Luc Cachelin (1981) inspiriert und begleitetet mit der Wissensfabrik Unternehmen in der digitalen Transformation. Das Digital Shapers Ranking 2017 zählt ihn zu den zehn führenden digitalen Vordenkern der Schweiz. Er hat an der Universität St. Gallen Betriebswirtschaftslehre studiert und zur Zukunft des Managements doktoriert. Am 20. November erscheint im Stämpfli Verlag sein neues Buch «Internetgott – Die Religion des Silicon Valley». Weitere Informationen: www.wissensfabrik.ch